Meine Indienreise / Teil 1 von Erika Kopietz
(14. Dezember 1994 – 22. Dezember 1994)


Am 14. Dezember 1994 war es endlich soweit. Die seit 9 Monaten geplante, durch verschiedene Gründe (u.a. die Pest) mehrmals in Frage gestellte Reise begann. Früh am Morgen brachten mich meine Tochter Niki und ihr Ehemann zum Frankfurter Flughafen. Die Abfertigung bei der Royal Jordanien verlief fast reibungslos, und um 11.35 Uhr hob die Boing 727 endlich ab.

Nach 70 Minuten kurze Zwischenlandung in Wien, wo Christbäume nach Amman verladen wurden.

Um 17.00 Uhr MEZ (18.00 Uhr in Amman (ist uns um 1 Stunde voraus)) sind wir in Amman gelandet. Mit 90 Minuten Verspätung ging es dann um Mitternacht im großen Airbus weiter nach Calcutta. Durch die Verspätung von Amman her kamen wir erst um 9.30 Uhr (indische Zeit, der MEZ um 4 ½ Stunden voraus) in Calcutta Dum-Dum, dem dortigen internationalen Flughafen, an.

Dort wurden wir (Herr und Frau S. mit dem damals 10 Jährigen Sohn und ich) von den männlichen Mitgliedern der Sa.-Familie sehr herzlich mit Girlanden und Blumengestecken empfangen. Alle Personen und alles Gepäck wurde in 2 Taxis verfrachtet, die uns zuerst zur „State Bank of India“ in die Parkstreet zum Geldwechsel brachten.

Von dort fuhren wir ca. 80 km zum Dorf Kalyanpur (alles im Staate Westbengalen). Die Eindrücke dort waren überwältigend. Zuerst einmal die Landschaft, die sehr grün ist: 10 – 15 m hohe Bambussträucher, die richtige Haine bilden, 3 – 5 m hohe Bananenstauden, 20 m hohe Kokospalmen, etwas niedriger die Dattelpalmen und noch niedriger die Fächerpalmen.

Auch die Laubbäume wirkten auf mich überdimensional.

Dazwischen viele Teiche, abwechselnd mit Häusern und Hütten. Von „meinem“ Dachgarten (im 2. Obergeschoss), wo ich mein Revier hatte, ein herrlicher Ausblick auf urwaldartiges Grün mit Durchblicken zu den Reisfeldern – und rundherum überall Affen; in den Bäumen, auf den Dächern und hin und wieder auch auf meiner Dachterrasse!
Am nächsten Tag wollte ich mir das Dorf ansehen, was aber schlichtweg unmöglich war. Kaum hatte ich das Haus verlassen, war ich von nahezu 100 Kindern jeden Alters umringt, dazwischen auch einige Erwachsene. Eine Unterhaltung war natürlich unmöglich, da alle nur Bengali sprachen, dessen ich ja leider nicht mächtig bin. Plötzlich stand unser Taxifahrer bei mir und ließ mich einfach nicht mehr weitergehen.

Ich musste ins Taxi einsteigen und wusste nicht so recht, wohin er wollte. Er fuhr mit mir ca. 5 km zu einem breiten Fluss – den Namen vom Fluss kenne ich bis heute noch nicht .

Der Fluss galt dort als „klein“, hatte aber immerhin die Dimension des Rheins bei Düsseldorf! Ich stieg also dort aus und wollte mit die Gegend anschauen und fotografieren. Aber alleine ließ er mich keinen Schritt machen. Er lief die ganze Stunde, die ich unterwegs war, immer drei Schritte hinter mir! Zu sehen war da allerhand: Bauern beim Reispflanzen, bei der Reisernte und beim Dreschen.

In dieser Gegend gibt es mindestens zwei Reisernten im Jahr! Auf den vielen Bäumen waren jede Menge Affen und Papageien – die ersten die ich freilebend in der Natur gesehen habe – ein herrliches Bild.

Am Nachmittag wurde ich zum Marktplatz gerufen, um mir die Vorbereitungen für die Grundsteinlegung (von unserem Projekt) am kommenden Tag anzusehen. Da war inzwischen eine Tribüne für die Ehrengäste und der Sockel für die Grundsteintafel errichtet und der Platz richtig schön sauber gefegt. Kaum war ich dort, entstand gleich wieder großer Menschenauflauf. Ich weiß nicht wie viele Kinder und Erwachsene um mich herumstanden. Von einem Mann, der etwas Englisch sprach, wurde ich interviewt: Woher ich komme und was in Deutschland überwiegend gegessen wird? Und dass Deutschland doch auch viele „große“ Männer hatte! Ich bestätigte „ja, Goethe, Schiller, Bach, Beethoven....“ (wusste ich doch nicht was er meinte) - , doch ich bekam zur Antwort: „vor allem Hitler!“ Es war sehr ernst gemeint und ich verzichtete auf eine Antwort.

Am Abend kamen drei Köche aus Calcutta mit riesigen Kesseln, die im Hof am Teich aufgestellt wurden. Sie fingen noch am Abend bei Dunkelheit im Freien an zu kochen, da ja am nächsten Tag zum großen Fest ungefähr 200 Personen verköstigt werden sollten. Das Ziegenfleisch wurde fürs Biriani vorgerichtet. Ich bekam einen Stuhl und durfte zusehen, wie ungefähr ½ kg Gewürze im Mörser zerkleinert wurden.

Des öfteren bekam ich Besuch - auf meiner Dachterrasse - von den verschiedenen Frauen der Familie, darunter auch ganz besonders Chameli und ihre Schwester. Die saßen dann bei mir im Zimmer und Chameli versuchte, mir Bengali beizubringen; boi ist das Buch, hamaman der Affe, baani das Wasser. Mehr habe ich nicht behalten. Im Gegenzug lernte sie von mir einige englische Worte, worauf sie dann ganz stolz war. Auf jeden Fall waren das immer recht lustige Stunden.

Den ganzen Nachmittag und Abend fuhr ein Auto mit Lautsprecher durch die Gegend. Verstehen konnte ich natürlich nichts, hörte nur zwischendurch immer wieder „Mrs. Erika Kopietz“ heraus. Auf Nachfrage, was denn da von mir gesagt wird, bekam ich zur Antwort, dass es um das große Fest der Grundsteinlegung am nächsten Tag geht und ich als Ehrengast von Deutschland angekündigt werde.

Dann kam der große Tag! Im Haus war alles in Hektik und keiner war so richtig ansprechbar. Um 7 Uhr in der Frühe kam die Ärzte und Helfer aus Calcutta (alle ehrenamtlich). Sie hielten wie jede Woche - in den bis jetzt angemieteten, im wahrsten Sinne des Wortes „provisorischen“ Räumen – auch heute die Ambulanz ab. Zuerst mussten, wie zu jeder stattfindenden Ambulanz, die Medikamente ungefähr 250 m aus dem Wohnhaus zur Dispensary geschafft werden. Im Laufe des Vormittags durfte ich dieses Provisorium besichtigen. Mein erster Eindruck von außen war der von wartenden Menschen; ich kann nicht schätzen, wie viele, doch fest steht, dass es über 100 waren.

Sicherlich nicht sehr angenehm, unter so vielen Menschen am Fischmarkt (!) bei Temperaturen um 25 Grad Celsius – Stunde um Stunde – zu warten. Da kommt einem unwillkürlich der Vergleich zu Deutschland, wo man schon sehr ungeduldig wird, wenn im Wartezimmer 10 Patienten vor einem sitzen! Die Menschen dort stehen und warten vom frühen Morgen an geduldig, bis die letzten dann irgendwann am Nachmittag oder gegen Abend drankommen. Das augenblickliche Ambulatorium besteht aus einem Raum, in der Anmeldung, Labor, 2 Ärzte mit Helfern und die gerade zu behandelnden Patienten untergebracht sind. Da geht es noch mehr als eng zu, ist sehr dunkel und fast alles spielt sich unter den Augen der Öffentlichkeit ab.

Ich konnte mich davon überzeugen, wie dringend notwendig unsere Unterstützung ist, um ein Haus für die Ambulanz und die Apotheke zu erstellen. Die Medikamente werden aus Spenden bezahlt und die Ärzte arbeiten ehrenamtlich im Wechsel, immer zwei, jeweils mit einem Helfer.

Je näher die Grundsteinlegung rückte, desto mehr wuchsen Hektik und Nervosität, dass auch ja alles klappt. Ab 13 Uhr wurden ca. 200 Personen bewirtet. Viele Menschen wurden mir und ich ihnen vorgestellt, aber es war für mich sehr schwierig, im Nachhinein zu wissen, wer WER ist. Der Kurator des „Ananda Niketan Kirtishala-Museums“ saß beim Essen neben mir. Er übergab mir eine Einladung, sein Museum zu besuchen. Es hätte mich sehr interessiert, doch leider war dafür keine Zeit.

Um 15.30 Uhr ging es dann zum Marktplatz, wo das neue Haus ja entstehen soll. Hier war eine große Tribüne aufgestellt, auf der über 20 Ehrengäste ihren Platz hatten. Ich musste in der ersten Reihe sitzen und alle starrten mich an – ich war die einzige Europäerin! Ehrengäste waren auch ein sehr berühmter Professor der Homöopathie, Ärzte vom ehrenamtlichen Dienst, der Sportminister von Bengalen, verschiedene Prominente des Sports (so auch ein ehemaliger indischer Fußball-Nationalspieler, der heute Trainer ist), sowie das Management der Stiftung „A.S.-Memorial-Charitable-Dispensary“. Außer den Ehrengästen waren noch ungefähr 200 geladene Gäste anwesend, umringt von ca. 4.500-5.000 Menschen. Menschen, soweit man sehen konnte. Von den vielen Reden, die in Bengali gehalten wurden, konnte ich nichts verstehen. Meine Rede war die einzige, die in Deutsch gehalten und von Herrn Absar Sattar in Bengali übersetzt wurde. In dieser Rede überbrachte ich die besten Grüße und Wünsche der Heilbronner Bharatiya-Gruppe für das neue Projekt und konnte gleichzeitig einen Scheck in Höhe von 2.000,00 DM – aus Spenden der Bharatiya-Gruppe – als Startkapital überreichen. Anschließend hatte ich die Ehre als Vertreterin des „Deutsch-Indischen Kulturvereins Bharatiya Heilbronn“, zusammen mit Herrn Absar Sattar und Herrn Prof. Dr. Chakraborty die Gedenktafel in den Grundstein einzusetzen. Vom Sportminister bekam ich zwei Einladungen für zwei Übernachtungen im „State-Guest-House“ in Calcutta.

Gegen 18.30 Uhr war dann alles vorüber, und jeder war erleichtert, dass alles so gut geklappt hatte. Für die Initiatoren des Festes war es schon eine anstrengende Sache.
Am nächsten Morgen, einem Sonntag, wurde der Teich beim Haus abgefischt. Doch war der Fang so gering, dass die paar Fische wieder ins Wasser zurück durften.
Sehr früh am Montag morgen wurde ich geweckt und alle Frauen und Kinder des Hauses wurden in zwei Taxis verfrachtet, die somit übervoll waren. Unsere männliche Begleitung war Absars Bruder. Wir fuhren etwa 4 Stunden nach Digha am Golf von Bengalen. Im Wagen war es sehr eng. Die vorbeiziehende Landschaft war sehr interessant und auch sehr fruchtbar. Bananen, viele andere Früchte und Reis wird geerntet; und vor allem halbreife, grüne Kokosnüsse. Die Nüsse werden an der Straße verkauft, an Ort und Stelle aufgeschlagen und das innere Wasser getrunken. Es ist relativ geschmacklos, kaum süß. Das Mittagessen nahmen wir in Digha im Hotel „Sea-Hawk“ ein, wo der Fisch sehr gut schmeckte. Das Hotel war toll, ganz besonders die Gartenanlage, das Restaurant eher einfach (Holzstühle und Tische mit Resopalplatten). Nach dem sehr reichlichen Essen ging’s zum Strand, der dort traumhaft schön ist. Europäer habe ich keine gesehen. Die Inderinnen gehen im Sari ins Wasser; im Badeanzug wäre man schon sehr aufgefallen. Wir spazierten ein Stück am herrlichen Sandstrand, die Füße vom Wasser umspült, später entlang der „Strandpromenade“, wo viele fliegende Händler ihre Sachen feilboten. Dort gab’s dann auch ein mitgebrachtes Picknick.

Gegen Abend noch ein kurzer Besuch im Basar. Digha liegt nahe der Grenze zum Bundesstaat Orissa, etwa 240 km südlich von Calcutta, ein Erholungsort mit einem 6 km langen Strand. Gegen 17.30 Uhr traten wir die Rückreise an. An diese Fahrt erinnere ich mich mit Grausen. Wir fuhren zwischen unbeleuchteten Fahrrädern, Fahrradrikschas, Ochsenkarren und Lastwagen, alles grundsätzlich unbeleuchtet! Selbst unser Taxifahrer fuhr ohne Licht, da er angeblich im Mondschein besser sieht!

Am Dienstag fuhren wir mit dem Taxi nach Calcutta. Absar und sein Bruder brachten mich ins State-Guest-House. (es ist ein Gästehaus für Minister und Abgeordnete vom Bundesstaat Bengalen). Da mir vorher gesagt wurde, das Zimmer für die erste Nacht sei sehr einfach, war ich angenehm überrascht, da ich viel Schlechteres erwartet hatte. Am Mittwoch, nach einem sehr reichhaltigen Frühstück im Zimmer serviert – wurde ich von Sankar (den ich aus Deutschland schon kannte) im Guesthouse abgeholt und mit Auto und Chauffeur waren wir dann in Calcutta unterwegs. Der Verkehr dort lässt sich nicht beschreiben! Als erstes zeigte mir Sankar den Belur-Math-Tempel. Er ist das Hauptquartier der Ramakrishna-Mission und liegt am Westufer des Ganges. Der Philosoph Ramakrishna predigte die „Einheit aller Religionen“ und nach seinem Tod 1886 gründete sein Nachfolger Vivekananda 1897 die Ramakrishna-Mission. Inzwischen gibt es in ganz Indien Zweigstellen dieser Mission. Mit dem Bau des Belur-Math-Tempels wollte man erreichen, dass, je nachdem, von welcher Seite dieses Gebäude betrachtet wird, eine Kirche, eine Moschee oder ein Tempel zu erkennen sei. (Dort bedauerte ich sehr, dass fotografieren streng verboten war).

Von dort überquerten wir auf der Howrah-Bridge den Ganges (Ganga). Bis 1943 führte über den Fluss lediglich eine Ponton-Brücke, die für den Schiffsverkehr immer geöffnet werden musste. Der Bau dieser neuen Brücke war lange heiß umstritten. Man befürchtete, dass die Konstruktion der Pfeiler eine Versandung des Flusses, sowie Veränderungen in der Strömung zur Folge haben könnte. Diese Problem umging man durch den Bau einer 450 m langen Hängebrücke. Völlig ohne Pfeiler im Fluss. Diese Brücke ähnelt der Harbour-Bridge in Sidney. Über sie zieht ein unendlicher Strom jeglichen Verkehrs. Wer einmal in der morgendlichen Rush-Hour an einem Ende der Brücke stand und die Doppeldecker-Busse vom anderen Ende herankommen sah, wird sich der Faszination des pulsierenden Lebens dort kaum entziehen können. Mühsam kommen sie nur voran, weil wieder einmal zu viele Menschen in den Bus drängten und sich dazu noch außen anhängten. Zwischen den Bussen winden sich zahllose Rikschas, Ochsenkarren, Massen von Radfahrern und natürlich die stinkenden Autos. Meistens ist die Brücke völlig überlastet. Endlich kamen wir auf der anderen Seite an und besuchten den Dakshineshwar-Kali-Tempel. In diesem war Ramakrishna Priester, als er seine Vision der vereinten Kirchen hatte. Der Tempel wurde 1847 erbaut.

Von dort kamen wir zum Zoo, der recht interessant war, aber mit der Stuttgarter Wilhelma oder dem Frankfurter Zoo nicht zu vergleichen ist, obwohl dieser 16 ha große Tierpark bereits 1876 eröffnet wurde. Auf jeden Fall sah ich hier zum ersten Mal einen weißen Tiger.
Letzte Station des Tages war das Victoria-Memorial. Es steht am Ende des Maidan (eine der Hauptstraßen). Es erinnert an die Zeiten, als Calcutta noch britisch war und ist vielleicht das wichtigste Relikt dieser Zeit in ganz Indien: ein riesiges Museum aus weißem Marmor wirkt es etwas befremdend in seiner Kombination aus klassischer europäischer Architektur und dem Stil der Mogul-Zeit. Böse Zungen nennen es auch einen Versuch der Engländer, ein besseres Taj Mahal zu bauen. Wie dem auch sei, eindrucksvoll ist es schon. 1906 legte der Prince of Wales (der spätere König George V.) den Grundstein. Die Einweihung nahm 1921 dann ein anderer Prince of Wales (der spätere Herzog von Windsor) vor. Das Geld dazu stammt aus freiwilligen Spenden der Prinzen und der Bevölkerung von Indien. Vor dem Gebäude steht eine Statue der Königin Victoria. Durch sie wird man als Besucher bereits für einen Rundgang eingestimmt. Man findet Portraits, Statuen und Büsten von all denen, die einen größeren Anteil an der britisch-indischen Geschichte hatten. Dargestellt sind auch Szenen aus militärischen Konflikten und Ereignissen des Aufstandes, Bilder viktorianischer Künstler in Wasserfarben zeigen indische Landschaften und Gebäude. Die Abteilung Calcutta enthält viele Bilder der Stadt und ein Modell des Fort William. Natürlich findet man auch sehr schöne persische und indische Miniaturen, seltene Manuskripte und Bücher. Höhepunkt aber ist der grandiose Blick über den Maidan vom Balkon über dem Eingang.

Alles in allem war es ein sehr interessanter Tag, der mit einem tüchtigen Schrecken endete. Absar und sein Bruder kamen gegen 20.30 Uhr ziemlich aufgelöst zu mir ins Hotel und berichteten, dass in der Nacht zuvor im Guesthouse-Komplex ein Abgeordneter ermordet wurde, dass Unruhen befürchtet würden und deshalb für den kommenden Tag ein allgemeines Fahrverbot angeordnet wurde. Es war also nicht klar, ob mein für den nächsten Tag gebuchter Zug nach Dehradun fahren würde oder nicht. Ich wartete also bis zum nächsten Tag um die Mittagszeit, bis die beiden wieder kamen und nun definitiv wussten: mein Zug fährt nicht! Ganz schnell sollte ich mein Geld, Ticket und Pass einstecken und zum Büro mitkommen, um zu sehen, ob eventuell für den nächsten Tag ein Platz für den Dehradun-Express zu bekommen sei. Calcutta war leer: Fahrerlaubnis hatte nur Polizei, Militär, Presse und ab und zu ein Bus mit Regierungsangestellten! Die Geschäfte waren geschlossen und nur wenige Leute unterwegs. Wir kamen mit dem Presseauto zum Railway-Office, aber es gab keine Möglichkeit umzubuchen; frühestens für den 28. Dezember. Aber weitere 6 Tage wollte ich nun wirklich nicht in Calcutta bleiben, da ich ja spätestens am 24.12. in Dehradun erwartet wurde.

Es blieb nichts anderes übrig, als schnell zum Büro der Indian-Airlines zu fahren, doch auch dort keine Chance, ein Flugticket nach Delhi zu bekommen. Absars Bruder hielt es dann für die einzige Möglichkeit, irgend etwas zu erreichen, das Ministerium aufzusuchen. Also nichts wie hin. Bei unserer Ankunft wollte der Sportminister gerade in seinen Wagen steigen. Absars Bruder stürzte zu ihm hin – die Sicherheitsbeamten gehen in Stellung! – doch er kann dem Minister unser Problem erklären. Der schickt einen seiner Beamten mit uns zum Privatsekretär; der wiederum ruft bei Indian-Airlines an und bucht einen VIP-Platz. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir einen Flug nach Delhi für 2 Stunden später. Nun kamen wir in Zeitdruck, da mein Gepäck noch im Hotel war. Alles ging jetzt recht schnell: Gepäck holen, Hotelrechnung bezahlen, zum Domestic-Flughafen fahren. Er liegt weit außerhalb, bei normalem Verkehr 60-70 Minuten. Zu unserem Glück waren ja die Straßen leer und wir schafften es in 30 Minuten. Ausgerechnet an diesem Tage wurde auch noch das neue Terminal eingeweiht und keiner wusste so richtig Bescheid. Jetzt hieß es, sich beeilen, um das Flugticket zu holen, das Gepäck aufzugeben und einzuchecken. Das dauert alles etwas länger und ist recht umständlich, da in Indien jeder mit Begeisterung Formulare ausfüllt. – Und dann hatte das Flugzeug 1 ½ Stunden Verspätung, da es ja auf mich gewartet hatte! Das war mir dann allerdings egal. Ich startete um 15.45 Uhr mit der East-West-Airlines in Richtung Delhi. Als „VIP“ bekam ich einen Fensterplatz in der ersten Reihe, wurde gefragt, ob mir auch alles genehm sei. Die Maschine war übrigens sehr gut und mein Platz komfortabel. Das war der erste Teil meiner Reise.

Das Fazit: Die Armut dort ist für uns unvorstellbar und ich konnte mich überzeugen, wie dringend notwendig die Hilfe für die „Wohltätige Apotheke“ ist, und dass wir alles versuchen sollten, mit Spenden die Eigeninitiative tatkräftig zu unterstützen. Es ist für die Einheimischen unmöglich, alles aus eigener Kraft zu erstellen. Der Ausschuss der „A.S.-Memorial-Charitable-Dispensary“ wäre uns für unsere Hilfe dankbar. Wir vom Deutsch-indischen Kulturverein Heilbronn tun, was irgend möglich ist, aber es ist einfach nicht genug. Vielleicht finden sich noch einigen Spender. Auch kleine Summen helfen uns, um dort helfen zu können.

 

zum Bericht Teil 2

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