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Indienreise / Teil 1 von Erika Kopietz (14. Dezember 1994 – 22. Dezember 1994)
Nach 70 Minuten kurze Zwischenlandung in Wien, wo Christbäume nach Amman verladen wurden.
Dort wurden wir (Herr und Frau S. mit dem damals 10 Jährigen Sohn und ich) von den männlichen Mitgliedern der Sa.-Familie sehr herzlich mit Girlanden und Blumengestecken empfangen. Alle Personen und alles Gepäck wurde in 2 Taxis verfrachtet, die uns zuerst zur „State Bank of India“ in die Parkstreet zum Geldwechsel brachten.
Von dort fuhren wir ca. 80 km zum Dorf Kalyanpur (alles im Staate Westbengalen). Die Eindrücke dort waren überwältigend. Zuerst einmal die Landschaft, die sehr grün ist: 10 – 15 m hohe Bambussträucher, die richtige Haine bilden, 3 – 5 m hohe Bananenstauden, 20 m hohe Kokospalmen, etwas niedriger die Dattelpalmen und noch niedriger die Fächerpalmen. Auch die Laubbäume wirkten auf mich überdimensional.
Ich musste ins Taxi einsteigen und wusste nicht so recht, wohin er wollte. Er fuhr mit mir ca. 5 km zu einem breiten Fluss – den Namen vom Fluss kenne ich bis heute noch nicht .
In dieser Gegend gibt es mindestens zwei Reisernten im Jahr! Auf den vielen Bäumen waren jede Menge Affen und Papageien – die ersten die ich freilebend in der Natur gesehen habe – ein herrliches Bild. Am Nachmittag wurde ich zum Marktplatz gerufen, um mir die Vorbereitungen für die Grundsteinlegung (von unserem Projekt) am kommenden Tag anzusehen. Da war inzwischen eine Tribüne für die Ehrengäste und der Sockel für die Grundsteintafel errichtet und der Platz richtig schön sauber gefegt. Kaum war ich dort, entstand gleich wieder großer Menschenauflauf. Ich weiß nicht wie viele Kinder und Erwachsene um mich herumstanden. Von einem Mann, der etwas Englisch sprach, wurde ich interviewt: Woher ich komme und was in Deutschland überwiegend gegessen wird? Und dass Deutschland doch auch viele „große“ Männer hatte! Ich bestätigte „ja, Goethe, Schiller, Bach, Beethoven....“ (wusste ich doch nicht was er meinte) - , doch ich bekam zur Antwort: „vor allem Hitler!“ Es war sehr ernst gemeint und ich verzichtete auf eine Antwort. Am Abend kamen drei Köche aus Calcutta mit riesigen Kesseln, die im Hof am Teich aufgestellt wurden. Sie fingen noch am Abend bei Dunkelheit im Freien an zu kochen, da ja am nächsten Tag zum großen Fest ungefähr 200 Personen verköstigt werden sollten. Das Ziegenfleisch wurde fürs Biriani vorgerichtet. Ich bekam einen Stuhl und durfte zusehen, wie ungefähr ½ kg Gewürze im Mörser zerkleinert wurden. Des öfteren bekam ich Besuch - auf meiner Dachterrasse - von den verschiedenen Frauen der Familie, darunter auch ganz besonders Chameli und ihre Schwester. Die saßen dann bei mir im Zimmer und Chameli versuchte, mir Bengali beizubringen; boi ist das Buch, hamaman der Affe, baani das Wasser. Mehr habe ich nicht behalten. Im Gegenzug lernte sie von mir einige englische Worte, worauf sie dann ganz stolz war. Auf jeden Fall waren das immer recht lustige Stunden. Den ganzen Nachmittag und Abend fuhr ein Auto mit Lautsprecher durch die Gegend. Verstehen konnte ich natürlich nichts, hörte nur zwischendurch immer wieder „Mrs. Erika Kopietz“ heraus. Auf Nachfrage, was denn da von mir gesagt wird, bekam ich zur Antwort, dass es um das große Fest der Grundsteinlegung am nächsten Tag geht und ich als Ehrengast von Deutschland angekündigt werde. Dann kam der große Tag! Im Haus war alles in Hektik und keiner war so richtig ansprechbar. Um 7 Uhr in der Frühe kam die Ärzte und Helfer aus Calcutta (alle ehrenamtlich). Sie hielten wie jede Woche - in den bis jetzt angemieteten, im wahrsten Sinne des Wortes „provisorischen“ Räumen – auch heute die Ambulanz ab. Zuerst mussten, wie zu jeder stattfindenden Ambulanz, die Medikamente ungefähr 250 m aus dem Wohnhaus zur Dispensary geschafft werden. Im Laufe des Vormittags durfte ich dieses Provisorium besichtigen. Mein erster Eindruck von außen war der von wartenden Menschen; ich kann nicht schätzen, wie viele, doch fest steht, dass es über 100 waren. Sicherlich nicht sehr angenehm, unter so vielen Menschen am Fischmarkt (!) bei Temperaturen um 25 Grad Celsius – Stunde um Stunde – zu warten. Da kommt einem unwillkürlich der Vergleich zu Deutschland, wo man schon sehr ungeduldig wird, wenn im Wartezimmer 10 Patienten vor einem sitzen! Die Menschen dort stehen und warten vom frühen Morgen an geduldig, bis die letzten dann irgendwann am Nachmittag oder gegen Abend drankommen. Das augenblickliche Ambulatorium besteht aus einem Raum, in der Anmeldung, Labor, 2 Ärzte mit Helfern und die gerade zu behandelnden Patienten untergebracht sind. Da geht es noch mehr als eng zu, ist sehr dunkel und fast alles spielt sich unter den Augen der Öffentlichkeit ab. Ich konnte mich davon überzeugen, wie dringend notwendig unsere Unterstützung ist, um ein Haus für die Ambulanz und die Apotheke zu erstellen. Die Medikamente werden aus Spenden bezahlt und die Ärzte arbeiten ehrenamtlich im Wechsel, immer zwei, jeweils mit einem Helfer. Je
näher die Grundsteinlegung rückte, desto mehr wuchsen Hektik
und Nervosität, dass auch ja alles klappt. Ab 13 Uhr wurden ca. 200
Personen bewirtet. Viele Menschen wurden mir und ich ihnen vorgestellt,
aber es war für mich sehr schwierig, im Nachhinein zu wissen, wer
WER ist. Der Kurator des „Ananda Niketan Kirtishala-Museums“
saß beim Essen neben mir. Er übergab mir eine Einladung, sein
Museum zu besuchen. Es hätte mich sehr interessiert, doch leider
war dafür keine Zeit. Gegen
18.30 Uhr war dann alles vorüber, und jeder war erleichtert, dass
alles so gut geklappt hatte. Für die Initiatoren des Festes war es
schon eine anstrengende Sache. Am Dienstag fuhren wir mit dem Taxi nach Calcutta. Absar und sein Bruder brachten mich ins State-Guest-House. (es ist ein Gästehaus für Minister und Abgeordnete vom Bundesstaat Bengalen). Da mir vorher gesagt wurde, das Zimmer für die erste Nacht sei sehr einfach, war ich angenehm überrascht, da ich viel Schlechteres erwartet hatte. Am Mittwoch, nach einem sehr reichhaltigen Frühstück im Zimmer serviert – wurde ich von Sankar (den ich aus Deutschland schon kannte) im Guesthouse abgeholt und mit Auto und Chauffeur waren wir dann in Calcutta unterwegs. Der Verkehr dort lässt sich nicht beschreiben! Als erstes zeigte mir Sankar den Belur-Math-Tempel. Er ist das Hauptquartier der Ramakrishna-Mission und liegt am Westufer des Ganges. Der Philosoph Ramakrishna predigte die „Einheit aller Religionen“ und nach seinem Tod 1886 gründete sein Nachfolger Vivekananda 1897 die Ramakrishna-Mission. Inzwischen gibt es in ganz Indien Zweigstellen dieser Mission. Mit dem Bau des Belur-Math-Tempels wollte man erreichen, dass, je nachdem, von welcher Seite dieses Gebäude betrachtet wird, eine Kirche, eine Moschee oder ein Tempel zu erkennen sei. (Dort bedauerte ich sehr, dass fotografieren streng verboten war). Von
dort überquerten wir auf der Howrah-Bridge den Ganges (Ganga). Bis
1943 führte über den Fluss lediglich eine Ponton-Brücke,
die für den Schiffsverkehr immer geöffnet werden musste. Der
Bau dieser neuen Brücke war lange heiß umstritten. Man befürchtete,
dass die Konstruktion der Pfeiler eine Versandung des Flusses, sowie Veränderungen
in der Strömung zur Folge haben könnte. Diese Problem umging
man durch den Bau einer 450 m langen Hängebrücke. Völlig
ohne Pfeiler im Fluss. Diese Brücke ähnelt der Harbour-Bridge
in Sidney. Über sie zieht ein unendlicher Strom jeglichen Verkehrs.
Wer einmal in der morgendlichen Rush-Hour an einem Ende der Brücke
stand und die Doppeldecker-Busse vom anderen Ende herankommen sah, wird
sich der Faszination des pulsierenden Lebens dort kaum entziehen können.
Mühsam kommen sie nur voran, weil wieder einmal zu viele Menschen
in den Bus drängten und sich dazu noch außen anhängten.
Zwischen den Bussen winden sich zahllose Rikschas, Ochsenkarren, Massen
von Radfahrern und natürlich die stinkenden Autos. Meistens ist die
Brücke völlig überlastet. Endlich kamen wir auf der anderen
Seite an und besuchten den Dakshineshwar-Kali-Tempel. In diesem war Ramakrishna
Priester, als er seine Vision der vereinten Kirchen hatte. Der Tempel
wurde 1847 erbaut. Alles
in allem war es ein sehr interessanter Tag, der mit einem tüchtigen
Schrecken endete. Absar und sein Bruder kamen gegen 20.30 Uhr ziemlich
aufgelöst zu mir ins Hotel und berichteten, dass in der Nacht zuvor
im Guesthouse-Komplex ein Abgeordneter ermordet wurde, dass Unruhen befürchtet
würden und deshalb für den kommenden Tag ein allgemeines Fahrverbot
angeordnet wurde. Es war also nicht klar, ob mein für den nächsten
Tag gebuchter Zug nach Dehradun fahren würde oder nicht. Ich wartete
also bis zum nächsten Tag um die Mittagszeit, bis die beiden wieder
kamen und nun definitiv wussten: mein Zug fährt nicht! Ganz schnell
sollte ich mein Geld, Ticket und Pass einstecken und zum Büro mitkommen,
um zu sehen, ob eventuell für den nächsten Tag ein Platz für
den Dehradun-Express zu bekommen sei. Calcutta war leer: Fahrerlaubnis
hatte nur Polizei, Militär, Presse und ab und zu ein Bus mit Regierungsangestellten!
Die Geschäfte waren geschlossen und nur wenige Leute unterwegs. Wir
kamen mit dem Presseauto zum Railway-Office, aber es gab keine Möglichkeit
umzubuchen; frühestens für den 28. Dezember. Aber weitere 6
Tage wollte ich nun wirklich nicht in Calcutta bleiben, da ich ja spätestens
am 24.12. in Dehradun erwartet wurde. Das Fazit: Die Armut dort ist für uns unvorstellbar und ich konnte mich überzeugen, wie dringend notwendig die Hilfe für die „Wohltätige Apotheke“ ist, und dass wir alles versuchen sollten, mit Spenden die Eigeninitiative tatkräftig zu unterstützen. Es ist für die Einheimischen unmöglich, alles aus eigener Kraft zu erstellen. Der Ausschuss der „A.S.-Memorial-Charitable-Dispensary“ wäre uns für unsere Hilfe dankbar. Wir vom Deutsch-indischen Kulturverein Heilbronn tun, was irgend möglich ist, aber es ist einfach nicht genug. Vielleicht finden sich noch einigen Spender. Auch kleine Summen helfen uns, um dort helfen zu können.
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