Nachdem ich am 22.12. Calcutta auf so abenteuerliche Weise verlassen hatte,
erreichte ich um 18 Uhr Delhi. Am Domestic Airport hatte ich recht schnell meinen
Koffer, da es ja ein Inlandsflug war. Es wäre zu umständlich, kostspielig
und unsicher gewesen, in Delhi nach einem Hotel zu suchen. Ich hätte zuerst
mit einem Taxi in die Stadt müssen, ein Hotel suchen und am nächsten
Tag dann ein Taxi von Delhi nach Dehradun zu nehmen. So beschloss ich, mich
gleich am Flughafen ans öffentliche Touristbüro (vom Gouvernment)
zu wenden. Dort ist ein Taxi zwar um einiges teurer, aber dafür in jedem
Fall sicherer, zumal es ja inzwischen auch dunkel war und ich mit meinem ganzen
Gepäck, Wertsachen, Pass, Papieren, Geld und Fotoapparat da stand. Für
die Strecke von 300 km (in 6 Stunden) musste ich 2150 Rs bezahlen (das sind
ca. 107,00 DM (ca. 55 €). Dafür bekam ich aber auch einen englisch
sprechenden Fahrer. Mein Name, meine Passnummer und die Abfahrtszeit wurden
registriert (der Fahrer muss sich nach seiner Rückkehr wieder auf dem Touristbüro
zurückmelden).
Im Pulk Richtung Dehradun
Kurz vor 19.00 Uhr starteten wir, hatten unterwegs einige Stopps an Kontrollstellen
und mussten warten. Auf meine Frage nach dem Grund des Wartens wurde mir erklärt,
dass wir nun in eine „dangerous area“ (gefährliche Gegend)
kommen und deshalb warten müssen, bis mehrere Autos, Busse und LKWs beisammen
sind, so dass diese im Pulk fahren können. Das ist sicherer. Es sollen
dort immer wieder Überfälle vorgekommen sein. Als wir etwa 2/3 des
Weges hinter uns hatten, kamen wir wieder an eine der Kontrollstellen. Der Schlagbaum
war doch nicht ganz offen gewesen, jedenfalls gab es einen üblen Knacks.
Er hatte noch mit dem Dachständer die Latte erwischt. Passiert war nichts.
Trotzdem Pfiffe und Schreie und ein Polizist stürzte herbei. Mit der Taschenlampe
wurde das Auto samt Kofferraum ausgeleuchtet. Der Fahrer musste seine Papiere
hergeben und mitkommen. Ich blieb im Taxi und konnte von dort beobachten, dass
es ein riesengroßes Palaver gab. Verstehen konnte ich nichts. Nach einer
Ewigkeit kam der Fahrer und bat mich, mit dem Polizisten zu reden. Die wollten
nämlich Geld von ihm. So bin ich ausgestiegen und habe gefragt, ob wir
nun weiter könnten, da ich dringend in Dehradun erwartet werde. Er fuchtelte
mir mit der Taschenlampe im Gesicht herum, da es stockfinster war. Zunächst
geschah eine Weile gar nichts. Als ich ziemlich energisch wieder fragte, bekam
mein Fahrer plötzlich seine Papiere zurück und wir konnten weiter
fahren. Gegen 01.00 Uhr erreichten wir in Clementown (Stadtteil von Dehradun)
die Turner Road.
Da ich weiß, dass meine Gastgeber immer sehr früh schlafen gehen, hatte ich so meine Bedenken, ob mich jemand hören würde (ich wurde ja erst 1 ½ Tage später erwartet). Doch kaum hatte ich am Gartentor geklopft, ging auch schon ein Fenster auf, eine Stimme rief: „Erika„, und im nächsten Moment waren alle (Kuldip und Manjeet, (meine Freunde) – und George – (ein Gast aus England)) am Tor und begrüßten mich stürmisch. Ich frage mich noch heute, wie sie beim ersten Klopfen wussten, dass ich es bin! Jedenfalls war die Freude auf allen Seiten riesengroß. Wir saßen bis 2.30 Uhr beim Tee und hatten so viel zu erzählen. Da war ich nur froh, dass am 22. und 23. nichts besonderes los war.
Weihnachten in
Indien
Der 24.12. fing dann sehr geruhsam und ohne Hektik an, was man ja als deutsche
Hausfrau überhaupt nicht kennt! Es regnete und es war nasskalt. Den ganzen
Tag fror ich. Da ich vom Anfang der Indien-Reise nur herrlich warmes bis heißes
Wetter kannte, war das doppelt schlimm. Das unangenehmste aber
war, dass die Häuser nicht beheizbar sind, obwohl Dehradun am Fuße
des Himalaya liegt. Ich war jetzt immerhin über 600 m ü.M. Da merkte
ich, dass Indien auch einen Winter hat, aber eben ganz anders.
Der Weihnachtskuchen
Nachmittags wurde mir dann eröffnet, dass ich einen Weihnachtskuchen backen
sollte. Ich hatte natürlich kein Rezept. Eier, Butter, Mehl und Milch waren
vorhanden und dann haben wir eben alles zusammengesucht, was im Haus war: Rosinen
in Rum eingelegt, Nüsse (mehrere Sorten), getrocknete Früchte (klein
geschnitten), Vanillezucker, Sahne, Eiweiß geschlagen und Treibmittel
(Backpulver) dazugegeben. Alles war sehr kompliziert, denn wer kann schon noch
Eischnee mit der Gabel schlagen, usw.? Schon vom Teig wollte jeder probieren
und als alles in der Backform war, standen die Erwachsenen da und wollten die
Schüssel auslecken!! Eigentlich hätte der Kuchenteig nicht mehr gebacken
werden brauchen, denn es gab auch so schon genug Abnehmer für den Teig!
Ja nun sollte der Kuchen in den Ofen, aber der war nicht vorhanden. Darüber
hatte ich mir vorher gar keine Gedanken gemacht! Mir wurde dann stolz eine elektrische
Backhaube gebracht, mit der ich nicht viel anzufangen wusste. Gut die Temperatur
konnten wir einstellen und eine Uhr hatten wir auch. Aber nach einer Stunde
zeigte der Kuchen noch keinerlei Veränderung; nach einer weiteren halben
Stunde sah er immer noch nur nach Teig aus. Da stellten sie fest, dass die Backhaube
kaputt war. Das war aber alles kein Problem, denn Manjeet lieh sich einfach
die Backhaube der Nachbarin aus. Sie wurde vorgeheizt und der Kuchen einfach
umgesetzt. Nach 3 ½ Stunden konnten wir dann ein recht wohl duftendes
Ding herausnehmen. Weder davor noch danach habe ich einen Kuchen so lange gebacken.
Aber man lernt dort zu improvisieren. Das Endprodukt entsprach zwar nicht den
Vorstellungen einer deutschen Hausfrau, schmeckte aber allen (außer mir)
sehr gut. Aber ich wusste ja auch wie er eigentlich zu schmecken hatte. Auf
alle Fälle waren alle, die ihn probierten – begeistert.
Am Abend kamen noch Gäste,
um „Christmas Eve„ (Heiligabend) mit einem Umtrunk zu feiern. Es
war jedenfalls recht gemütlich. Ein Glück, dass wir am 25.12. wieder
besseres Wetter hatten, sodass wir ab Mittag im Garten in der Sonne sitzen und
unsere Geschenke austauschen konnten. Zur Kaffeezeit (Teatime) gab ein Gast
dem anderen die Türklinke in die Hand. Alle kamen um „schöne
Weihnachten„ zu wünschen und jeder bekam eine kleine Probe des „deutschen„
Weihnachtskuchens. (Wenn die gewusst hätten, wie deutscher Weihnachtskuchen
wirklich schmeckt!!!)
Nach einem herrlichen Hähnchenessen brachte ich noch eine große Überraschung.
Ich hatte einen Videofilm mitgebracht, in dem die indischen Großeltern
zum ersten Mal das wachsen und Gedeihen ihres deutsch-indischen Enkelkindes,
d.h. die ersten 8 Monate, gerafft auf eine Stunde – erleben durften. Sie
waren überglücklich! Die darauf folgenden Wochen ging dieser Videofilm
von Haus zu Haus (zu Nachbarn, Freunden und Bekannten!). Das war Weihnachten
1994. Mein erstes total anderes Weihnachten. Aber ich fand es sehr schön.
Langsam ging alles in seinen
gewohnten Tagesablauf über. Allerdings kam immer jemand vorbei oder wir
waren irgendwo eingeladen. Viele kannten mich ja vom letzten Besuch (Frühjahr
1993 zu Niki und Bittoos Hochzeit). Da gab es viele herzliche Wiedersehen.
Der
geschneiderte Schal
Zum Aufenthalt in Dehradun gehört natürlich immer der Besuch im Basar,
wo wir unsere Stammgeschäfte haben. Dort wird Stoff gekauft; das ist eine
richtige Zeremonie. Auf einem ca. 60 cm hohen Podest, das von vorne bis hinten
im Laden geht, sitzt der Ladenbesitzer. Das Podest ist mit Tüchern und
Laken belegt und wird nur vom Besitzer und seinen Gehilfen mit Strümpfen
oder barfuß betreten. Dahinter sind lauter Regale mit Stoffballen, ebenso
an der gegenüberliegenden Wand. Diese Vielfalt an Stoffen ist beeindruckend.
Alle Farben, alle Muster und alle Stoffqualitäten von feinster Seide, Baumwolle,
Taft, Kunstfaser bis hin zur feinsten und besten Wolle. Zwischen dem Podest
und der gegenüberliegenden Wand sind Bänke aufgestellt. Hier wird
den Kunden gleich Platz angeboten. Das ist in anderen Geschäften ebenso,
z.B. beim Juwelier oder im Schuhladen. Dann folgt eine lange Begrüßung;
es wird nach der Familie gefragt usw. Erst dann werden von den Gehilfen jede
Menge Stoffballen angeschleppt, abgerollt und ausgebreitet. Dann kommt die Qual
der Wahl. Wenn man sich glücklich entschieden hat, ist das „Geschäft„
noch lange nicht zu Ende: Endlose Unterhaltungen, bis dann endlich bezahlt wird
(nicht zu vergessen, dazwischen wird auch noch Tee serviert), bis man den Laden
endgültig verlässt. Weit kommt man nicht, denn im übernächsten
Geschäft werden nur Chiffon- und Seidenstoffe verkauft, die für Schals
verwendet werden. Und einen passenden Schal braucht man ja für jedes Kleid.
Also wieder dieselbe Zeremonie! Bis da alles erledigt ist, sind 2 ½ bis
3 Stunden im Nu um, da der Schal ja auch gleich noch gesäumt wird. Vor
dem Laden an der Straße sitzt ein Mann an seiner Nähmaschine, der
nur solche Säumarbeiten an Schals macht. Doch muss man sich da nicht selbst
bemühen; nein, ein Gehilfe des Geschäfts bringt den ausgewählten
Stoff zum Säumen. Ein Nachmittag ist da schnell um. Am Abend kommt dann
der Schneider ins Haus zum Maßnehmen. Aber auch das geht nicht so schnell.
Man hat einfach Zeit. Viel Unterhaltung dazwischen, bis er endlich die Maße
aufgenommen hat. Der Schneider nimmt den Stoff mit und 2 Tage später ist
das Gewand fertig. So ein Gewand (Punjabi-Dress oder richtiger salwar kameez)
kostet mit Material und Nähen zwischen 10.—und 20.—DM je nach
Stoffqualität und Zutaten.
Wolle für Socken habe ich auch gekauft, das Kilo Strumpfwolle vom Feinsten
(reine Wolle 4,00 DM). Das ist für uns durch den guten Umtauschkurs sehr
billig. Man sollte aber nie vergessen, dass es für Einheimische sehr teuer
ist, da man ja Verdienst und Kosten gegenüber stellen muss.
Minister tot: Keine
Briefmarken
Am 28.12. hatte ich dann alle meine Briefe in die Heimat geschrieben und wir
wollten sie gleich zur Post bringen. Es ist kaum zu glauben, aber es gab keine
Briefmarken, da der Ex-Premier-Minister gestorben war. Erstmal habe ich mich
gefragt, was das eine mit dem anderen zu tun hat! Aber die Erklärung klingt
ganz logisch. Die Druckereien legten Trauertage ein, sie arbeiteten nicht und
so gab es eben auch keine Briefmarken. Niemand regt sich darüber auf, das
ist eben so. Am nächsten Tag gab es dann 10 Rs Marken – ein Brief
kostet aber 11 Rs!!! – die fehlenden 1-Rs-Marken gab es dann wieder einen
Tag später. Jetzt konnten die Briefe endlich weg!! Angekommen sind sie
in Deutschland dann zwischen dem 20. und 25. Januar 1995, als ich gerade selbst
wieder nach Hause kam!
Silvester 1994
Der 29. und 30.12. waren sehr neblig, feucht und kalt, nachts mit Frost! (und
das ohne Heizung). Das war sehr unangenehm. Doch meist dauert so eine Schlechtwetterlage
nicht sehr lange, denn am 31.12. saßen wir mit Sommerkleidung bei 22 –
23° C wieder im Garten. Wenn die Sonne aber am Abend hinter dem Haus verschwindet
(um diese Jahreszeit so ca. um 17 Uhr), wird es empfindlich kühl. George
war das recht. Er stand immer im Garten, um zu sehen, ob es am Himalaja schneit,
da er für 2 Wochen nach Auli im Garwhal-Gebirge zum Skifahren wollte.
Den Silvesterabend verbrachten wir mit Freunden. Colonel Bisht mit Familie waren
eingeladen. Er erzählt sehr viel und sehr interessant und die Zeit vergeht
wie im Fluge. Um Mitternacht hat es dann laut gekracht. Das war aber kein Feuerwerk,
sondern die Artillerie, die in Dehradun stationiert ist und so das neue Jahr
begrüßte.
Neujahr 1995: gegen Mittag kam der Schneider und brachte mir eins von den neuen
Kleidern, so dass wir um 12.00 Uhr neu eingekleidet zu Colonel Bali in die Rajpur-Road
(mit dem Vikram) fahren konnten. Das Vikram ist „das„ Verkehrsmittel
in Indien. Es hat 3 Räder. Vorne eine Sitzbank für Fahrer und 1-2
Passagiere. Hinter einer Trennwand sind noch zwei sich gegenüberliegende
Bänke, die normalerweise für je 3 Personen sind. Meistens sind sie
jedoch total überfüllt und 12 Passagiere plus Fahrer sind keine Seltenheit.
Jede zusätzliche Person bringt eben Geld und Kontrollen gibt es keine.
Billig sind sie auf jeden Fall, denn für 2 Personen zahlt man für
ca. 12 km 5 Rs (25 Pfennig).
Bei Colonel Bali waren wir zum Lunch und zum Tee eingeladen. Die „Bali’s„
(Ehepaar mit 2 halberwachsenen Töchtern und 1 Sohn) sind reizende Leute.
Hinter deren Haus liegt ein ausgetrocknetes Flussbett, an dem wir mit den Töchtern
einen schönen Spaziergang, mit herrlichem Blick auf Mussoorie und die Garwhal-Berge
machten.
Neujahrswünsche im Nachthemd
Am 02.01. wurde ich mit Tee geweckt. Die erste halbe Tasse trank ich im Bett
(ist gewöhnungsbedürftig, hat aber auch was für sich), stand
dann auf, habe mich in ein Wolltuch gepackt (in Indien anstatt Strickjacke),
um auf der Terrasse nach der Sonne zu sehen. Als ich meinen Tee fertig getrunken
hatte, sagte Kuldip, ich solle mitkommen zu Colonel Bisht „Neujahr wünschen„.
Ich wollte mich erst anziehen, er sagte aber no, no, no. So sind wir beide im
Nachtgewand die paar Häuser weiter gezogen und haben dann auch dort gefrühstückt.
Keiner stört sich daran und man sieht alles nicht so eng. Das Haus ist
etwa 150 m entfernt. Nachdem wir wieder zurück waren, und ich meine Morgentoilette
beendet hatte, ging’s weiter die Runde machen. In der ganzen Gegend haben
wir „Neujahr„ gewünscht und überall durfte ich das ganze
Haus bis zum Dach besichtigen. Überall gab es Tee und irgendeine Kleinigkeit
zu essen. Lunch zu Hause habe ich ausfallen lassen, da wirklich nichts mehr
rein ging und unhöflich hatte ich ja nicht sein wollen. Am Nachmittag wurden
wir vom Nachbarn – er war Manager in der größten indischen
Zigarettenfabrik in Calcutta und verbringt nun sein Leben als Pensionär
in Dehradun – mit dem Auto abgeholt und zu seinem Landhaus mitgenommen.
Es war eine landschaftlich sehr schöne Gegend hinter dem Militärgelände
an der „Country-Side„. Abends wollte ich Klaus anrufen, doch alle
Telefonleitungen von und nach Clementown waren tot. Das sind so die Überraschungen
dort.
Chandigarh – Le Corbusier’s Stadt
Mein größter Wunsch für diese Indienreise war, einmal Amritsar
und den Goldenen Tempel dort zu sehen. Kuldip wollte mich begleiten. Mir wurde
nur gesagt, dass sie eine Überraschung für mich hätten. So starteten
Kuldip und ich am 4.1. morgens in Nachbars Auto mit Chauffeur nach Saharanpur
(mehr als 1 ½ Stunden für 68 km). Gleich nach der Ankunft dort bekamen
wir einen Bus nach Ambala, da wir ja nach Amritsar wollten. Da kam die Überraschung.
Wir stiegen nicht in Ambala aus, sondern fuhren gleich weiter nach Chandigarh;
das ist eine Stadt mit ca. 250 000 Einwohner. Sie entstand nach einem Plan des
französischen Architekten Le Corbusier, der mit dem Bau zu Beginn der fünfziger
Jahre begann. Für westliche Besucher erweckt diese Stadt meist den Eindruck,
recht steril und weitläufig zu sein (im Gegensatz zu anderen indischen
Städten), die Inder sind jedoch stolz auf sie. Nüchtern betrachtet
ist Chandigarh eher ein trauriges Kapitel der Städteplanung. Es ist eine
Stadt, die ganz auf Autofahrer zugeschnitten ist und das in einem Land, in dem
die Mehrheit der Bevölkerung gar keinen Wagen besitzt. Man hat fast den
Eindruck, als hätte Le Corbusier alles am Reisbrett geplant und Indien
nie vorher persönlich gesehen und erlebt. Das Ergebnis ist, dass Chandigarh
für Fußgänger einfach ungeeignet ist und wo selbst Fahrrad-Rikschas
sich verloren vorkommen. Die Fahrer nehmen denn auch jede mögliche Abkürzung
und tauchen dort auf, wo man sie gar nicht vermutet. Die großzügig
angelegten Straßen um die Einkaufszentren herum gäben schöne
Parkplätze ab, hier aber sind sie einfach verlassen und leer. Zwischen
den verstreut und weit auseinander liegenden Gebäuden ist nur trostloses
Brachland zu sehen.
In Le Corbusier’s Heimatland Frankreich gäbe es auf solchen Flächen
sicherlich Parks oder Gärten, in Indien aber überlässt man die
freien Flächen einfach sich selbst.
Ankunft im Hotel
– mitten in der Nacht
Wir hatten dort nicht allzu lange Zeit und fuhren um 16.00 Uhr nach Bajnath.
Ich hatte noch nie von Bajnath gehört, hatte also auch keinerlei Ahnung,
wo es liegt und wie weit wir noch fahren müssen. Da es doch recht früh
(ca.17.00 Uhr) dunkel wurde, konnte ich schon sehr bald nichts mehr von der
Landschaft sehen. Ich hatte nur immer das Gefühl, dass wir immer bergauf
fuhren und das Stunde um Stunde. Ca. um 20:00 Uhr wurde eine Rast eingelegt,
um 22:00 Uhr noch einmal. Da war es aber schon eisig kalt und vor allem, der
Wind war sehr unangenehm. So war ich froh, wieder im „kalten„ Bus
zu sein, auch wenn es an allen Ecken und Enden zog. Die Fahrt wurde immer abenteuerlicher.
Wegen Straßenbau und Erdrutschen mussten wir Umwege fahren. Einmal war
es über viele km eine geschotterte Serpentinenpiste, auf der der Bus in
jeder Kehre ca. 10 mal zurück stoßen musste, um die Kurve nehmen
zu können. Teilweise mussten auch die Passagiere aussteigen, weil der Bus
an herumliegenden Felsbrocken hängen blieb; und das gegen Mitternacht!
Zum Schluss waren Kuldip und ich die einzigen Fahrgäste. Wir erreichten
wohlbehalten aber furchtbar frierend um 1:15 Uhr den Ort Bajnath. Nun suchten
wir ein Hotel. Der Ort war zu dieser Nachtzeit ausgestorben. Wir konnten niemanden
fragen. Total müde und halb erfroren, den Rucksack geschultert, ging es
1 ½ km bergauf. Das Hotel – das er von früher kannte –
war geschlossen und keiner meldete sich. Also mussten wir wieder die ganze Strecke
zurück. Um 2:00 Uhr fanden wir das Hotel „Dewan„ , das uns
um diese späte Stunde noch aufnahm. Ein „gutes„ Hotel (für
indische Verhältnisse): kein Ungeziefer, die Betten sauber mit eigenem
Bad und WC und warmem Wasser. Die Kosten für 2 Personen 125 Rs. (6,25 DM).
Es war so kalt, dass wir alles anzogen, was in unseren Rucksäcken zu finden
war. Unser einziger Wunsch war: schlafen !!!!
Panorama Himalaja – ein Augenschmaus
Doch am Morgen, dem 5.1., kam die große Überraschung. Ich hatte ja
keine Ahnung, wo Kuldip mich hingebracht hatte. Er hatte mir nur gesagt, dass
er mir vor Amritsar noch etwas anderes zeigen wolle. Bei unserer Nachtfahrt
hatte ich nur bemerkt, dass es ständig bergauf ging. Als Kuldip dann am
Morgen die Gardinen öffnete blieb mir fast die Luft weg. Vom Bett aus hatte
ich einen überwältigenden Blick auf das herrlichste Gebirgspanorama,
das ich jemals gesehen hatte. Schneebedeckte 6 – 7000er, angestrahlt vom
ersten Sonnenlicht. Ich konnte mich daran nicht satt sehen. Kuldip war dann
gleich unterwegs – während ich im Bad war – und kam mit einer
Kanne herrlichen Tees zurück. Das tat gut nach unserer Nacht im „Open-Air-Freiluftsalon„
(eine Betitelung von mir, da es an allen Ecken und Enden zog; es war der reinste
Eiskeller). Doch mit der Sonne wurde es auch recht warm. Kuldip hatte inzwischen
Freunde angerufen, die uns zum Frühstück einluden. Die Familie Grover
wohnte in dem ca. 5 km entfernten Ort Paprola, von Bajnath getrennt durch eine
tiefe Schlucht. Auf dem Weg zum Bus konnte ich nun endlich etwas vom Dorf sehen.
Bajnath ist ein Bergdorf (ca. 1300 m hoch) und liegt im herrlichen Kangratal.
Das ist ein Hochtal im Himalaja, sehr fruchtbar und grün. Bekannt ist der
Ort für Erholung und als Ausgangspunkt für viele Trekking-Touren,
ebenso durch seinen berühmten, 2000 Jahre alten Shiva-Tempel. Seine Lage
ist einmalig vor dem Panorama des schneebedeckten Himalaja und rund um den Tempel
tummeln sich jede Menge Affen.
Wir nahmen den Bus nach Paprola und wurden bei Familie Grover sehr herzlich zum Frühstück empfangen. Sie konnten nicht verstehen, warum wir ein Hotelzimmer genommen hatten. Wir hätten ruhig bei ihnen übernachten können. So konnten sie es auch nicht zulassen, dass wir noch länger dort im Hotel blieben. Doch gegen 11:00 Uhr machten wir uns per Bus auf den Weg, da wir ja noch einiges sehen wollten. Erste Station war der Ort Jogindernagar, wo auch die 160 km lange Schmalspurbahn von Pathankot her endet. Ich war sehr enttäuscht, dass es nicht möglich war, aus dem Bus zu fotografieren.
Auf dem Toilettensitz des Schaffners
Die Scheiben waren so schmutzig, dass man kaum etwas sehen konnte. Um so glücklicher
war ich, dass Kuldip organisierte, dass wir mit der Schmalspurbahn bis Ahju
fahren konnten. Kuldip hat überall Bekannte und überall Leute zu begrüßen.
So konnte ich es auch kaum fassen, als wir im letzten Wagen einstiegen und uns
im Abteil des Zugbegleiters befanden. Dort bekam ich einen Ehrenplatz! Wo? Auf
den Toilettensitz des Schaffners wurde ein dickes Kissen gelegt und ich saß
darauf, direkt am offenen Fenster und konnte fotografieren. Herrliche Bilder
sind dabei entstanden. Von Ahju aus nahmen wir wieder den Bus nach Bir, einem
wunderschönen Bergdorf in 1800 m Höhe. Fasziniert haben mich dort
die Orangenbäume, voll mit Früchten, vor dem Hintergrund der Schneeberge.
Auf dem Weg nach Bir fuhren wir auch durch Teeplantagen und eine tibetanische
Kolonie. In Bir haben wir noch Besuche gemacht und wurden in mehreren Häusern
zum Tee eingeladen. Die Bekanntschaften stammen noch aus der Zeit, als Kuldip
und Manjeet längere Zeit da oben lebten. Überall wurden wir sehr herzlich
aufgenommen. Es war auf jeden Fall ein ganz toller Tag, der aber noch mehr Überraschungen
bringen sollte. Zurück in Bajnath war unser erster Weg zum Hotel, um unsere
Sachen abzuholen. Der Hotelbesitzer wollte, dass wir ihm noch eine zweite Nacht
bezahlen, doch als K im sagte, er habe für 24 Stunden gemietet und die
wären erst in der Nacht um 2 Uhr um, gab er unter Knurren Ruhe und wir
konnten mit unserem Gepäck abziehen. Der Tee bei Grovers war dann eine
Wohltat. Schade, dass keiner von ihnen Englisch sprach, es wäre sicher
noch viel interessanter gewesen.
Picknick im Bett
Um ca. 19:00 Uhr wurde mir gesagt, ich könne ins Bett gehen. Das kam mir
doch recht komisch vor, doch als Gast dachte ich „na ja„!! Ich ging
ins Bad und richtete mich für die Nacht. Zurück im Zimmer traute ich
meinen Augen nicht, denn K und Mr. Grover saßen in unserem Bett, bei guter
Unterhaltung und einem Glas Whisky. Ich wurde auch ins Bett zitiert und die
Frau des Hauses setzte sich noch dazu. Gegen 21:30 Uhr brachte die Schwiegertochter
ein Laken, das im Bett ausgebreitet wurde und servierte uns allen das Abendbrot.
Ein Picknick im Bett!!! Eine halbe Stunde später begaben sich alle zur
Ruhe.
Das Wasserkraftwerk
Ab 4:00 Uhr früh am nächsten Tag ging es im Haus recht lebhaft zu,
da das Bad der Grovers direkt neben unserem Zimmer lag und die Wände recht
hellhörig waren. An Schlafen war nicht mehr zu denken. 2 Stunden später
gab es den ersten Tee im Bett. Nachdem ich so früh wach war, konnte ich
meine Wäsche waschen. Insgesamt gab es viermal Tee, ehe um 10:30 Uhr das
Frühstück kam, das aus Linsen, Kartoffeln und Chapatis (Fladenbrot)
bestand. Grovers sind Hindi und wie viele Hindis auch Vegetarier. Wir hatten
vor, an diesem Tag noch einen Ausflug zu machen. Mit dem Bus wieder bergauf,
diesmal in anderer Richtung, bis zur Endstation in Binwan Nagar. Wieder begeisterte
mich die Fahrt mit toller Szenerie, z.B. eine Brücke über einen breiten
Fluss, die gerade gebaut wird und nicht befahrbar ist.
So fuhr der Bus über Holzbohlen Stückchen für Stückchen darüber. Ich dachte mal wieder, dass mein letztes Stündlein geschlagen habe. Binwan Nagar ist eine Kolonie, in der Arbeiter und Angestellte des Binwan-Power-House mit ihren Familien leben, am Ende eines Hochtales. Nach 45-minütigem Fußmarsch erreichten wir das Wasserkraftwerk und durften es auch innen besichtigen. Die riesigen Turbinen sind aus Budapest, worauf wir sehr stolz hingewiesen wurden. Das Kraftwerk liegt in 1800 m Höhe, der Stausee dazu in 2500 m. Den Durst löschten wir dort in der Kantine mit Limca (Zitronenlimonade). Beim Gang durch die Kolonie haben wir noch ein „Resthouse„ mit Ferienappartements gefunden und durften diese auch noch ansehen. Sie sind alle ebenerdig mit großem Wohn-/Schlafraum, großem Badezimmer, Ankleidezimmer (wobei mir nicht klar ist, wozu man das da oben in den Bergen braucht!!!) und Terrasse mit wunderschönem Blick ins Tal. Auf jeden Fall sind sie sehr großzügig und gemütlich eingerichtet und kosten für 2 Personen am Tag 200 – 300 Rs = 10 – 15 DM (für indische Verhältnisse sehr teuer). Dazu kommt noch die Vollverpflegung mit täglich ca. 3,00 DM für 2 Personen für vegetarisches Essen(das ist wiederum sehr billig). Mit Fleisch ist es etwas teurer. Für alle Wohnungen zusammen steht dann noch ein Clubraum mit dicken Ledersesseln und Farbfernseher zur Verfügung. Für kühle Tage – mit denen man ja in dieser Höhe rechnen muss – hat jedes Appartement ein elektrisches Heizgerät.
Als wir von dort zurück in Paprola waren, wollte ich für Klaus noch ein dickeres Baumwollhemd kaufen. Die Farben gefielen mir aber nicht so gut. Der Geschäftsinhaber zeigte mir einen Stoff, der mir sehr gut gefiel und er empfahl mir, diesen doch zu kaufen. Ich sagte ihm, ich wolle ein Hemd und keinen Stoff. Das war für ihn aber kein Problem. Er ließ den Schneider kommen, der in 2 Stunden das Hemd nähen sollte. Wir gaben ihm ein Muster, wegen der Maße und das Hemd war tatsächlich nach 2 Stunden fertig und auch wunderschön. (Kosten für Stoff und Näharbeit 7,00 DM. Im Geschäft der Grovers kauften wir dann noch 2 herrliche weiche Kaschmir-Wollschals, wie ich sie in Dehradun schon gesehen, aber nicht gekauft hatte, da sie mir zu teuer waren. Hier bekam ich sie in allerbester Qualität zu günstigstem Preis. Schade war dort eigentlich nur, dass man sich nicht richtig verständigen konnte und ich so bei den Gesprächen relativ gelangweilt dabei saß. Unsere Kommunikation funktionierte nur über die übliche Gestik mit „Händen und Füßen„ oder wenn K. gedolmetscht hat.
Treffpunkt im Bett
Um 19.00 Uhr „durfte„ ich wieder meine Nachtkleidung anziehen und
dann war Treffpunkt im Bett der Gastgeber. Mitten im Gespräch klopfte es
dort an die Türe und ein Gast (der Vater einer Schwiegertochter) kam –
im Wintermantel und mit Pudelmütze – herein. Er zog die Schuhe aus
und wurde ebenfalls ins Bett gebeten und die Unterhaltung ging in Hindi weiter.
Da ich eigentlich recht unbeteiligt dabei saß, sagte ich, ich sei müde
und wolle ins Bett gehen. Doch kaum war ich im Bett kamen alle – einschließlich
Gast, inzwischen auch im Nachtgewand – und machten es sich in unserem
Bett gemütlich. So war nur der „Tagungsort„ in ein anderes
Zimmer verlegt! Das Abendessen wurde – wie am Tag zuvor – in unserem
Bett serviert. Geplant war, dass wir am nächsten Tag weiter wollten in
Richtung Amritsar, doch Grovers wollten uns noch einige Tage dabehalten.
Schmalspurbahn und Schnellzug
Am 7.1. früh um 6.00 Uhr weckte mich K., da unser Zug um 7.45 Uhr ging.
Grovers waren sehr enttäuscht, dass wir nicht länger blieben. Bei
der Verabschiedung drückten sie jedem von uns noch eine Tüte in die
Hand, in der eine wunderschöne, handbedruckte Baumwoll-Überwurfdecke
fürs Bett war. Es waren herrliche Tage dort und der Abschied fiel schwer.
Mit vielen guten Wünschen und Einladungen für ein nächstes Mal
zogen wir los. Kuldip hatte es mal wieder geschafft, dass wir in der Schmalspurbahn
ein Abteil erster Klasse ganz für uns alleine bekamen. So konnte ich auf
der ganzen Strecke im herrlichen Kangra-Tal aus dem Zug fotografieren, vorbei
an imposanten Schluchten, ausgetrockneten Flussbetten, großen Mango-,
Orangen- und Limonenplantagen und Hecken aus riesengroßen Kakteen; diese
Hecken dienten auch der Einfriedung eines Grundstückes. Im Hintergrund
immer die phantastischen Schneeberge des Himalaya! Eindrücke, von denen
ich heute noch träume. Von Paprola bis Pathankot – 160 km –
waren wir mit der Schmalspurbahn 7 ½ Stunden unterwegs. In Pathankot
wechselten wir in einen Superfast(Schnell)Zug und waren dann um 17.30 Uhr in
Amritsar.
Der Goldene Tempel
In Amritsar wurde ich dann mit unserem Gepäck am Bahnhof abgestellt und
K. machte sich auf die Suche nach einem Zimmer. Obwohl er auch dort überall
bekannt war, blieb die Suche ohne Erfolg. (ich bin sicher, es hätte sich
in einem teureren Hotel was gefunden, durfte mich aber nicht einmischen!) Ganz
Amritsar war ausgebucht, da an diesem Tag eines der drei großen Sikh-Feste
im Jahr stattfand. Wir haben dann wieder umdisponiert, unser Gepäck am
Bahnhof deponiert und sind mit dem Vikram zum „Goldenen Tempel„
gefahren.
Ich hatte in Indien wirklich schon sehr viel erlebt, aber was da auf den Straßen
los war, das lässt sich einfach nicht beschreiben. Calcutta war ein Spaziergang
dagegen!!!
Es war schon dunkel, deshalb wirkten die geschmückten und herrlich beleuchteten
Straßen noch beeindruckender. Es gibt schon fast keine Steigerung mehr,
die Pracht des Goldenen Tempels zu beschreiben. Ich konnte nur stehen und schauen.
Er ist das größte Heiligtum der Sikhs und liegt im Kern der Altstadt
von Amritsar. Der Tempel ist umgeben von einem See, dem Ambrosia-See (übersetzt:
der See der Unsterblichkeit). Rund um diesen See waren kleine Lichter (eins
am anderen) aufgestellt und diese spiegelten sich im Wasser. Hinter dem Tempel
wurde ein Feuerwerk abgebrannt, so dass sich dieser in allen Farben im See spiegelte.
Über eine Marmorbrücke ist der Tempel zugänglich. Ständig
überträgt ein Lautsprecher Lesungen aus dem Granth Sahib in Punjabi.
Der Hohepriester, der aus dem Heiligen Buch vorliest, sitzt an der Ostseite
des Tempels. Das Original des Heiligen Buches wird im Goldenen Tempel aufbewahrt
und manchmal während einer Prozession herumgetragen. An der Südseite
des Tempels ist ein Tempelgarten angelegt; in diesem steht der Baba Atal Tower.
Die hohen Ramgarhia Minars stehen außerhalb des Tempelbezirkes.
Zur Geschichte des Goldenen
Tempels wäre noch zu erwähnen: Zu Beginn der Unruhen im Punjab (indischer
Bundesstaat) wurde der Goldene Tempel von Extremisten der Sikhs besetzt. Der
indischen Armee gelang es nur unter Blutvergießen, ihn wieder zugänglich
zu machen. Aber diese Aktion hatte noch blutigere Folgen, denn sie war der auslösende
Faktor, der später zur Ermordung von Indira Gandhi führte. 1986 wurde
der Tempel wiederum von Sikh-Extremisten besetzt.
Inzwischen ist der Goldene Tempel wieder in der Gewalt der Zentralregierung.
Er wurde gereinigt und vollständig restauriert, wenn auch einige Einschüsse
noch zu sehen sind. Um den Tempelkomplex wurde auch ein breiter freier Streifen
geschaffen, um das erneute Einsickern von militanten Extremisten zu verhindern.
Geplant ist ferner, einen Park anzulegen. Die kleinen Räume um das Wasserbecken
und andere mögliche Verstecke von Kämpfern für einen freien Staat
der Sikhs, genannt „Kalistan„, wurden verschlossen. Lange Zeit musste
sich jeder, der den Tempel betreten wollte, einer Körperkontrolle unterziehen.
Als ich dort war, war es nicht der Fall. Pilger und Besucher des goldenen Tempels
müssen die Schuhe ausziehen – die an einer Art Garderobe abgegeben
werden – und ihren Kopf bedecken, wenn sie den Tempelbereich betreten.
Angelegt wurde der goldene Tempel im 16. Jahrhundert vom Städtegründer
Guru Ram Das. Diese kurze geschichtliche Erläuterung gehört einfach
zu Amritsar und ist sicher nicht uninteressant.
Wir verließen also den goldenen Tempel und kamen wieder auf die mit Girlanden und Silberfäden über und über geschmückten Straßen. Wohin der Blick auch ging: Menschen, Menschen, Menschen…! Kuldip zu verlieren war zum Alptraum für mich geworden. Zum Glück wurde der nicht wahr. Nachdem wir ja in Amritsar wegen des hohen Festtages kein Zimmer bekommen konnten, beschlossen wir, den Abstecher diesmal kurz zu halten und nach einem guten vegetarischen Abendessen im Bahnhofsrestaurant mit dem Nachtzug nach Dehradun zu fahren. Auf dem Bahnsteig fragte mich Kuldip, ob ich mein indisches Gewand griffbereit hätte. Als ich das bestätigte, schickte er mich zur Toilette, um mich dort umzuziehen. Das war allerdings in dem nicht gerade sauberen Örtchen ein Kunststück. Doch ich habe es geschafft! Beim Verlassen der Toilette hätte mich kaum einer wieder erkannt, Punjabi-Dress, das Wolltuch auch über den Kopf geschlungen und fertig war die indische Lady. Da ich immer recht „gschamich„ nach unten sah, konnte man auch die Hautfarbe nicht erkennen. Ich denke, das ganze war wegen unserer „Ehre„, da wir ja nachts im Schlafwagen unterwegs waren. Ich habe nicht nachgefragt. Kuldip hatte wieder einen Platz im Zug – sogar im Sleeper (Schlafwagen) – ergattert, obwohl man diese Plätze normalerweise einige Zeit vorher reservieren lassen muss. So verließen wir Amritsar gegen 22.00 Uhr und erreichten Ambala – im Bett schlafend – um 03.00 Uhr. Eine Stunde später sollte es weiter gehen, doch der Anschlusszug hatte über eine Stunde Verspätung.
Das Treiben nachts auf einem
Bahnsteig in Indien ist aber auch nicht uninteressant, zumal es ja nicht kalt
war. Um 07.00 Uhr kamen wir in Saharanpur an, wo der Bus nach Dehradun bereits
wartete, so dass wir um 08.30 Uhr wieder zuhause in Clementown waren. Auf dieser
Reise habe ich einige indische Bundesstaaten kennen gelernt. Uttar Pradesh,
Haryana, Himachal Pradesh und den Punjab, der ja 50 km hinter Amritsar an Pakistan
grenzt. Sollte ich wieder nach Indien kommen, werde ich Amritsar bestimmt wieder
besuchen, und zwar ausgiebiger, denn diese Stadt ist auch eine zweite Reise
wert.
Zuhause war dann erst mal eine Dusche und Haare waschen angesagt. So dreckig
habe ich mich noch nie gefühlt. Danach fühlte ich mich jedoch wie
neu geboren. Allerdings nicht lange, denn es wurde furchtbar kalt und unsere
Himalaya-Fahrt wäre in diesen Tagen gar nicht möglich gewesen, da
überall starke Schneefälle waren. Wir hatten wieder einmal Glück
gehabt!
Seide zum Schnäppchenpreis
Die folgenden Tage verliefen recht geruhsam und ohne besondere Ereignisse. Da
sollte so viel wie möglich erledigt sein, ehe Niki, Bittoo und Janice kamen.
Wir erwarteten sie am 14.01. So beschlossen wir 3 Tage vorher zum Basar zu gehen.
Fast 6 Stunden waren wir im Basar und an diesem Tag habe ich das Geschäft
meines Lebens gemacht. Wir waren bei „unserem„ Stoffhändler,
denn ich wollte sehen, ob ich weiße Seide für meine Stoffmalerei
bekommen kann. In Deutschland ist Seide ja sehr teuer: der Meter von 25,00 DM
an aufwärts. Ich hatte in diesem Geschäft zwar noch nie weiße
Seide gesehen, aber auf unsere Frage, wurden aus dem Lager drei Ballen in verschiedenen
Qualitäten herbei geschafft. Der Stoffhändler wollte gleich wissen,
wie viel ich haben möchte. Als ich sagte, dass es vom Preis abhängt,
überlegte er kurz und meinte: 40 Rupien (2,00 DM) der Meter. Da war nur
noch zu bedenken, wie viel ich in meinem Koffer noch unterbringe. Von jedem
der drei Ballen ließ ich mir 5 Meter abschneiden. Einer der Ballen war
angeschmutzt, den bekam ich noch etwas billiger. Nun hatten mich 15 Meter Seide
nur 28,00 DM gekostet und das ohne Handeln. In Deutschland hätte ich dafür
höchstens einen Meter bekommen. Im nächsten Geschäft hatten wir
Sticktwist gekauft und bekamen 40 Strängchen für 3,50 DM (bei uns
kostet eins 2,20 DM).
Als wir von unseren Einkäufen zurück kamen war Bittoo auf der Terrasse. Das war eine Überraschung! Da er noch freie Tage hatte, konnten sie den Flug umbuchen und waren drei Tage früher da. Unsere kleine Janice hatte ich ja vier Wochen nicht gesehen und war auf ihre Reaktion gespannt. Sie hörte auf meine Stimme, sah mich an und streckte mir die Arme entgegen. Das war auch für die indischen Großeltern ein großer Augenblick, sahen sie doch ihr deutsch-indisches Enkelkind zum ersten Mal. Kuldip war besonders glücklich, dass alle zu seinem Geburtstag am 13.01. da waren. Da am gleichen Tag auch noch „Lori„ (Erntedankfest) gefeiert wurde, waren wir abends noch bei einem „Bedi„-Vetter eingeladen und fürstlich bewirtet worden. Es gab die verschiedensten Arten von Pakoras. Erst Käse-, dann Blumenkohl-, Zwiebel-, Spinatblätter- und Auberginenpakoras; Pakoras sind gefüllte Teigtaschen. Janice ging von Arm zu Arm und hat ohne Murren alles mitgemacht.
Am 16.01. ging es mir – nach einigen recht kalten Tagen – nicht gut. Schon beim Aufwachen fühlte ich mich richtig zerschlagen, hatte Hals- und Ohrenschmerzen, Erbrechen, Durchfall und Kreislaufbeschwerden. Den ganzen Tag verbrachte ich, meist schlafend, im Bett. Am Abend riefen Niki und Bittoo den Arzt – trotz heftigem Protest meinerseits – der mir Medikamente verschrieb, so dass ich bald wieder fit war. Nach mir hat es dann Niki und Janice erwischt. In den letzten Tagen waren wir noch zu zwei Hindi-Hochzeiten eingeladen. So eine Hochzeit geht über mehrere Tage, mit verschiedenen Zeremonien, die sich jeweils über Stunden hinziehen. Einen Teil davon haben wir mitgemacht, doch um 22.00 Uhr war für uns Schluss; Erstens wegen Janice und zweitens war die Musik sehr laut und nicht gerade schön! Am letzten Tag bin ich noch mal alleine zum Basar, um einige Fotos zu machen. In Dehradun (Zentrum) hatte ich bisher kaum fotografiert. Bei dieser Gelegenheit wären vielleicht noch ein paar Sätze über diese Stadt angebracht.
Die Stadt Dehradun
Dehradun liegt ca. 650 Meter hoch, direkt am Fuße des Himalaya (der bis
3.600 Meter hohen Mussoori-Ranch) und ist mit seinen 370.000 Einwohnern nicht
gerade klein. Es fungiert als Handelszentrum für die Siwaliks und die Gebirgsregion
Garhwal, dem entsprechend besitzt es ein sehr großes Geschäftszentrum.
Bekannt ist es auch als Standort unerschwinglich teurer privater Eliteschulen.
Die Brüder Rajiv und Sunjay Gandhi gingen dort zur Schule. Viele von Gandhis
Beratern und Ministern, die so genannten „Doon Boys„, sind in dieser
elitären Atmosphäre aufgewachsen. Zu Dehraduns überregionaler
Bekanntheit trägt schließlich auch bei, dass hier viele wissenschaftliche
Institute zuhause sind, darunter z.B. das angesehene „Forest Research
Institute„, die wichtigste Forschungseinrichtung auf diesem Gebiet. Auch
die indische Militärakademie und der Geographische Dienst Indiens (Survey
of India), der in vielen Städten Landkarten und Stadtpläne verkauft,
ist dort beheimatet. Sonst gibt es in Dehradun nicht viel an Sehenswürdigkeiten.
Die Großstadt Dehradun ist kein Touristenort und wird auch keiner werden.
Als Touristen werden dort nur indische Urlauber auf der Durchreise nach Mussoori,
30 km entfernt, gesichtet. Gerade deshalb fällt man als Europäer dort
besonders auf, und nach 2-3 Basarbesuchen ist man bereits bekannt!
Kalkstein
Zum ökologischen wäre vielleicht noch etwas zu sagen:
Die Region südlich der Mussoori-Ranch wird Doon Valley genannt. Als ihr
besonderer Reichtum gilt der reichlich vorhandene Kalkstein, dem die spezifische
Fähigkeit zukommt, den Monsunregen zu speichern und in der langen Trockenzeit
allmählich abzugeben. Von diesem Kalkstein wurde zunächst in bescheidenem
Umfang für die Zwecke der lokalen Bauindustrie abgebaut. In den letzten
Jahrzehnten wurde der Kalkstein-Bergbau stark ausgeweitet, da die Nachfrage
immer größer wurde.
Der massive Abbau von Kalkstein bewirkte, dass der Wasserhaushalt der Region
schwer gestört wurde: Der Grundwasserspiegel sank, die Trinkwasservorräte
gingen zurück, was zur Wassernot in den heißen und extrem trockenen
Sommermonaten führte; der Wasserstand der Hauptflüsse der Region ging
in den Sommermonaten erheblich zurück. Im Einzugsgebiet des Baldi-River
haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten die Wasserreserven halbiert, mit
der Konsequenz, dass die Getreideproduktion (Dehradun ist ein wichtiges Gebiet
für den Basmati-Reis) um 28 % und der Viehbestand um 35 % zurück gingen.
Bereits Mitte der siebziger
Jahre entstand bei einer wachsenden Zahl von Menschen die Einsicht, dass der
Kalksteinbergbau verheerende Umweltschäden verursacht. Daraus mündeten
bald massive Proteste und die Gründung zahlreicher Umweltinitiativen.
1985 gelang es der inzwischen zur Massenbewegung angewachsenen ökologischen
Bewegung, vertreten u. a. durch „Friend of Doon Society„ und „Save
Mussoorie Society„, durch eine Klage beim obersten Gerichtshof die Schließung
von 53 der 60 Kalksteinbrüche im Doon-Valley durchzusetzen. Mit dieser
Anerkennung des Rechts auf eine gesunde und ökologisch stabile Umwelt,
schuf das Gericht einen Präzedenzfall von großer umweltpolitischer
Bedeutung.
Nun klagt man auch gegen den Dehradun Entwicklungsplan, der für diesen stark industrialisierten Raum zusätzliche risikoreiche und Umwelt belastende Industrien vorsieht. In dem einst lieblichen Doon-Valley ist die von Wald bedeckte Fläche auf 12 % zurück gegangen. Offiziell werden 60 % empfohlen. Um dies zu realisieren, ist ein gewaltiges Aufforstungsprogramm von Nöten, das nur durch starken Druck von unten überhaupt durchgesetzt werden kann. Da kann man eigentlich nur hoffen, dass der Druck stark genug ist und für die Zukunft etwas bewirken wird.
Ja, nun waren die letzten Stunden angebrochen. Am 22. Januar feierten wir nachmittags
noch einen Geburtstag. Der letzte Rest wurde gepackt, denn um 20.00 Uhr sollte
unser Taxi kommen. Niki und Bittoo fuhren zum Badeurlaub nach Südindien
(Kerala). Es bot sich an, dass wir zusammen ein Taxi nach Delhi nahmen. Dort
startete am 23.01. um 08.30 Uhr (mit 2 Stunden Verspätung) mein Flugzeug
nach Deutschland. Mit etwas Wehmut, aber gleichzeitig auch Freude auf Zuhause,
endete mein 6-wöchiger Urlaub in Indien. Ich hoffe, dass es nicht
der letzte war.
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